Verproletarisierung

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Diskursatlas Klassismus
Diskursthema:
Politik/Demokratie Familie/Bevölkerung
Bildung/Sprache Verteilung/Gleichstellung Gewalt/Kriminalität
Narrativ:
Verproletarisierung

Autor: Andreas Kemper

Der Ausdruck Verproletarisierung (auch: Proletarisierung) findet u. a. als klassistisches Narrativ in den Diskursthemen Bildung/Sprache, Familie/Bevölkerung und Gewalt/Kriminalität Anwendung.

Geschichte und Bedeutung des Narrativs Verproletarisierung

Der Ausdruck Verproletarisierung oder Proletarisierung bezieht sich auf die Klasse der Arbeiter*innen im Kapitalismus ("Proletarier*innen"). In seiner klassistischen Verwendung wird Verproletarisierung gleichgesetzt mit "Vermassung". Die Masse wird als das ^Niedere, Substanzlose, Amorphe betrachtet, welches sowohl einen ^Verfall von Kultur, Gesellschaft, Wirtschaft und Nation bedeute, als auch verführbar für eine Revolution sei.

Äußerungen im Narrativ Verproletarisierung

  • Juli 1933: Oswald Spengler schreibt im Kapitel „Der Klassenkampf beginnt um 1770“ in seinem Buch „Jahre der Entscheidung. Deutschland und die weltgeschichtliche Entwicklung“ zum Zusammenhang von „Pöbel“ und „Revolution“ unter anderem:
„Aber Gracchus ging zugrunde, weil die Bauern, die in Masse zur Abstimmung nach Rom gewandert waren, der Ernte wegen wieder nach Hause mußten. Seitdem rechnete die Demagogie vom Schlage des Cinna und Catilina auf die Sklaven und vor allem statt auf die fleißigen Tagelöhner, wie es in den griechischen Städten seit Kleon geschehen war, auf den berufslosen Pöbel jeder Herkunft, der auf den Straßen Roms herumlungerte und gefüttert und unterhalten sein wollte: panem et circenses! Gerade weil man sich ein Jahrhundert lang um die Wette bemühte, diese Massen durch immer größeren Aufwand für sich zu gewinnen, sind sie zu einem Umfang angewachsen, der noch nach Cäsar eine ständige Gefahr für die Regierung des Weltreiches bildete. Je minderwertiger ein solches Gefolge, desto brauchbarer ist es. Und deshalb hat der Bolschewismus seit der Pariser Kommune von 1871 weit weniger auf den gelernten fleißigen und nüchternen Arbeiter zu wirken gesucht, der an seinen Beruf und seine Familie denkt, als auf das arbeitsscheue Gesindel der großen Städte, das in jedem Augenblick bereit ist zu plündern und zu morden. Deshalb haben in Deutschland von 1918 bis in die Jahre der großen Arbeitslosigkeit hinein die regierenden Gewerkschaftsparteien sich wohl gehütet, zwischen Arbeitslosen und Arbeitsscheuen einen gesetzlichen Unterschied entstehen zu lassen. Damals hat neben der Unterstützung angeblicher Arbeitslosigkeit ein Mangel an Arbeitern bestanden, vor allem auf dem Lande, und niemand wollte das ernstlich verhindern. Die Krankenkassen wurden von Tausenden mißbraucht, um der Arbeit aus dem Wege zu gehen. Die Arbeitslosigkeit ist in ihren Anfängen vom Marxismus geradezu gezüchtet worden. Der Begriff des Proletariers schließt die Freude an der Arbeit aus. Ein Arbeiter, der etwas kann und stolz auf seine Leistung ist, empfindet sich  nicht als Proletarier. Er hindert die revolutionäre Bewegung. Er muß proletarisiert, demoralisiert werden, um für sie brauchbar zu sein. Das ist der eigentliche Bolschewismus, in dem diese Revolution ihren Höhepunkt, aber noch lange nicht ihren Abschluß findet. Es kennzeichnet die Oberflächlichkeit des Denkens der gesamten »weißen« Welt, wenn dieser Bolschewismus als russische Schöpfung betrachtet wird, die Westeuropa zu erobern drohe. In Wirklichkeit ist er in Westeuropa entstanden, und zwar mit folgerichtiger Notwendigkeit als letzte Phase der liberalen Demokratie von 1770 und als letzter Triumph des politischen Rationalismus, das heißt der Anmaßung, die lebendige Geschichte durch papierne Systeme und Ideale meistern zu wollen. Sein erster Ausbruch großen Stils war nach den Junischlachten von 1848 die Pariser Kommune von 1871, die nahe daran war, ganz Frankreich zu erobern.  Nur die Armee hat das verhindert – und die deutsche Politik, die diese Armee moralisch stützte. Damals, nicht 1917 in Rußland, sind aus den Tatsachen einer belagerten Hauptstadt heraus die Arbeiter- und Soldatenräte entstanden, die Marx, ein Tropf in praktischen Fragen, als mögliche Form einer kommunistischen Regierung seitdem empfohlen hat. Damals sind zuerst die massenhaften Abschlachtungen der Gegner durchgeführt worden, die Frankreich mehr Tote gekostet haben als der ganze Krieg gegen Deutschland. Damals herrschte in Wirklichkeit nicht die Arbeiterschaft, sondern das arbeitsscheue Gesindel, Deserteure, Verbrecher und Zuhälter, Literaten und Journalisten, darunter wie immer viele Ausländer, Polen, Juden, Italiener, selbst Deutsche. Aber es war eine spezifisch französische Form der Revolution. Von Marx war keine Rede, um so mehr von Proudhon, Fourier, den Jakobinern von 1792. Ein loser Bund der großen Städte, das heißt ihrer untersten Schichten, sollte das flache Land und die Kleinstädte unterwerfen und beherrschen – ein typischer Gedanke des romanischen Anarchismus. Etwas Ähnliches  hatte schon 1411 der Fleischer Caboche mit dem militärisch organisierten Pöbel von Paris versucht. Das ist 1917 in Petersburg nur kopiert worden, mit einem gleichartigen »westlichen« Pöbel und mit den gleichen Schlagworten.“[1]
(siehe auch Narrative: Masse, Pöbel, Minderwertige, Arbeitsscheu, Gesindel, Simulierende)


„Gerade die demokratische Bewegung sei es, die bewusst nivelliert und den Gleichheitsdünkel fördert, der immer dann aufkommt, wenn es mit einer Zeit bergab geht. Die Gleichheitsforderung der Demokraten bedrohe genauso die echte Freiheit wie der Absolutismus des 'reinen Machtstandpuntkes die echte Autorität. […] Über VOLLGRAFFs Und LASAULX' Horizont hinaus erkennt BURCKHARDT den inneren Zusammenhang zwischen den aufkommenden hochkapitalistischen Wirtschaftsformen und der zunehmenden Entpersönlichung, Vermassung und Verproletarisierung des Lebens. Politisch sieht er die Macht immer mehr an die 'gottesjämmerliche Majorität', den 'Stimmpöbel' übergehen, weil die 'unwiderstehliche Zunahme der Kräfte von unten herauf in ganz Europa' den Gleichheitsdünkel und die Nivellierungskräfte steigere […] Die bedeutenden Individuen und die wertvollen Minoritäten würden aus dem öffentlichen Leben verdrängt, während die Demokratie – selbst eine 'Ausgeburt mediokrer Köpfe' – zwangsläufig nur 'mediokre Menschen' an die Macht schwemme. […] Die Güter der Bildung, Poesie und Künste, distinguierte Sitte, höhere Wissenschaft aber würden eins nach dem anderen dem Druck der vordringenden Massen im Namen der Demokratie geopfert werden [Anm. 26: […] Durch die Allgemeinbildung der Massen könne das Niveau der wirklichen Bildung nur noch weiter absinken. Das einzige Resultat sei die Schaffung 'endloser Generationen von Unzufriedenen' […] ...] Aber die Erwartung eines kommenden Zeitalters der allgemeinen Barbarei – der Versklavung unter die 'Brüllmasse Volk'  - findet sich auch schon in den Briefen aus den 40er Jahren […], in denen, wie er später sagt […], das 'Gemeinerwerden' der Zeit erstmalig spürbarer wurde.“[2]
(siehe auch Narrative: Nivellierung, Gleichheitswahn, Masse, Niveau, Pöbel, Minderwertige, Hochkultur, Herunterziehen)


  • Juli 1966: Im Handwörterbuch zur Kriminologie – Band 1: Aberglaube – Kriminalbiologie führt Friedrich Stumpfl im Artikel Asozialität u.a. aus:
„Auf Grund ihrer Straflisten lassen sich sich die Asozialen in zwei großen Gruppen einteilen. Die erste umfaßt die Frühgescheiterten, meist geistig und körperlich minderwertige Menschen, deren höchste Sraffälligkeit zwischen dem 18. und 25. Lebensjahr liegt; dies haben sich schon beim Eintritt in das Erwerbsleben als unfähig erwiesen. Die zweite Gruppe wird von den Spätgescheiterten gebildet, die im Alter von 30 bis 50 Jahren straffällig geworden sind. Diese sind durch Alkohol oder andere körperliche Schäden oder sonstige Ursachen in ihrer Leistungsfähigkeit erst später beeinträchtigt worden, arbeitslos geworden und dem Bettel oder Landstreichertum verfallen […]. Die Mehrzahl dieser zweiten Gruppe ist nur erwerbsschwach infolge körperlicher und geistiger Mängel. Der Schwerpunkt der Probleme liegt bei der ersteren Gruppe: bei ihr spielen Arbeitsscheu und Liederlichkeit eine zunehmend größere Rolle. Die Anlagefaktoren, aber auch die erzieherischen Faktoren, haben bei der ersten Gruppe, die schweren Schicksale bei der zweiten Gruppe ein größeres Gewicht. […] Neben dem Alkohol und der psychopathischen Wesensart (Willenlosigkeit, Gemütsarmut, Stimmungslabilität) spielt der Schwachsinn eine entscheidende Rolle. […] Sofern alle diese Defekte nicht einen Grad erreichen, der schon an und für sich eine Einweisung in eine Anstalt oder eine Behandlung nahelegt, sind sie eine der häufigsten Merkmale der Asozialen. […] Die Arbeitsscheuen bilden eine Gruppe, die sich hauptsächlich in den Großstädten breitmacht. In ihr finden sich Personen, die überwiegend von strafbaren Handlungen leben, aber strafrechtlich schwer zu fassen sind, weil ihnen die Handlungen oft nicht nachgewiesen werden können. Sie fallen nicht mehr unter den Begriff der Asozialen und sollen durch ein eigenes Arbeitsscheuen-Gesetz erfasst werden. […] Die sozialen Vorbedingungen für das Auftreten von Asozialität sind von großem Gewicht, weil für den Menschen in seiner Welthaftigkeit nicht nur Charakter, Affekte, Temperament die motivierende Verhaltensgrundlagen abgeben. [...] Wo eine Familiengründung nicht mehr gelingt, ja selbst das Streben nach Familiengründung erstickt ist, da erfolgt in diesem Bereich das Absinken in Asozialität. [...] Andere Vorbedingungen sind zu erblicken im Darniederliegen der wirtschaftlichen Verhältnisse nicht nur im Sinne der Notzeiten, sondern auch von tieferliegenden Gesellschaftskrisen der Gegenwart [...]. Hierher gehören die Probleme der Verproletarisierung und Entproletarisierung. […] Den Asozialen kann nur die Internierung auf unbestimmte Zeit ein menschenwürdiges Leben sichern.“[3]
(siehe auch Narrative: Asoziale, Minderwertige, Arbeitsscheu, Schwachsinn, Traditionelle Familie, Absinken)


  • 19.09.2006: André F. Lichtschlag forderte in der Tageszeitung Die Welt „Entzieht den Nettostaatsprofiteuren das Wahlrecht!“ und begründete dies unter anderem mit den Worten:
„Proletarisierung - staatsabhängige Asoziale (der 'Spiegel' schreibt von den 'neuen Proleten') anstelle selbstständiger Menschen sind das Ergebnis des allumfassenden Sozialstaats. […] Deutschland ist weit vorangeschritten auf dem Weg hin zu einem neosozialistischen Staat - und ist in sich selbst nicht mehr reformierbar. Denn inzwischen stellen die Nettostaatsprofiteure die Mehrheit: Beamte, Politiker, Arbeitslose und Rentner stimmen mit ihren Mehrheiten jeden noch produktiven Menschen nieder und beuten ihn weiter und immer mehr aus. [...] Heute ist 'Weniger Demokratie wagen!' der letzte Ausweg vor dem sicheren Gang in den Totalitarismus.“ [4]
(siehe auch Narrative: Asoziale, Ausbeutende Arme, Totalitarismus)


„Kaum einer wehrt sich noch gegen die Zumutungen, gegen die »Steuerlast titanischen Ausmaßes«, gegen den Abbau des selbst erarbeiteten Wohlstands, gegen Technik- und Fortschrittsfeindlichkeit, gegen die kulturelle Verstümmelung, gegen die Aufpasser aus den halb- bis vollstaatlichen Gesinnungsanstalten. Grün-rote Sozialklempner, Steuergelderpresser und ihre zur Hälfte importierte, zur Hälfte pseudowissenschaftlich zusammengefaselte Klientel sind unsere Gegner. Letztere legitimieren scheinbar die ersteren. Im Gespann sorgen sie dafür, dass Deutschlands zutiefst verängstigte Mittelschicht ständig an Substanz verliert und sich stattdessen mit Fassaden zufriedengibt. Pirinçci nennt das geleaste Auto, die aufgrund der immer höheren Steuern und Abgaben der Lohnarbeit zuzuführende Ehefrau, das kreditbelastete Haus und die politisch korrekte Zwangsbeschulung des Nachwuchses.  […] Wirtschaftlicher Verfall – seit Jahrzehnten leben wir von der Substanz und verbrauchen den Wohlstand der Väter, statt neues Kapital zu bilden; Schulen und Straßen verrotten. Proletarisierung – staatsabhängige Asoziale anstelle selbstständiger Menschen sind das Ergebnis des allumfassenden Sozialstaats. Inzwischen stellen die Nettostaatsprofiteure die Mehrheit: Beamte, Politiker, Arbeitslose und Rentner stimmen mit ihren Mehrheiten jeden noch produktiven Menschen nieder und beuten ihn immer mehr aus. “[5]
(siehe auch Narrative: Substanz, Political Correctness, Verfall, Asoziale, Ausbeutende Arme)


  • 11.02.2018: Michael Jeannée äußert sich zur ^gehobenen „Society“ in Wien u.a. mit den Worten:
„Die Gesellschaft hat sich verproletarisiert […] Mit Haferlschuhen in die Oper. Der Krawattenzwang ist abgeschafft. Eine Premiere ist, was es nachher für einen Champagner gibt. Buffet und Charity – das ist der Tod der Gesellschaft. Das hat nichts mit Ideologie oder Bürgertum zu tun. Das Niveau ist in die Tiefe gesackt.“[6] 
(siehe auch Narrativ Niveau)


„Das freie Marktsystem entproletarisiert den „gewöhnlichen Menschen“, erhebt ihn nach und nach zu dem Rang eines „Bürgerlichen“. […] Eine Forderung der Interventionisten besteht darin, die Politiken in den unterschiedlichen Regionen der Welt zu vereinheitlichen – beispielsweise durch Angleichung der Steuersätze und Arbeitsmarktregulierung, durch Koordination der Fiskal- und Geldpolitiken etc. Vor allem aber treiben die politischen Globalisten, die sich des Interventionismus bedienen, auch systematisch die Relativierung und Diskreditierung des Systems freier Märkte (beziehungsweise deren Überreste) voran. Beispielsweise propagieren sie die Idee, die Unternehmen dürften nicht länger kapitalistische Gewinnmaximierung betreiben, sondern müssten den Vorgaben eines „Stakeholder-Kapitalismus“ folgen: also ihre Tätigkeiten nicht konsequent an den Eigentümerinteressen, sondern (auch) an den Zielen von Kunden, Kreditgebern, Zulieferern, Arbeitnehmern sowie auch ihren Heimatgemeinden ausrichten. Diese „Umerziehung“ des Denkens wird häufig mit der Überschrift „Kapitalismus neu denken“ angepriesen.“[7]
(siehe auch Narrativ Umerziehung, Erhebung)

Verkettungen mit anderen klassistischen Narrativen

Die oben genannten Äußerungen zeigen, dass das Narrativ Verproletarisierung mit folgenden Narrativen verkettet ist, die ebenfalls als „klassistisch“ identifiziert wurden. Hierbei ist zu beachten, dass ein Ausdruck verschiedene Bedeutungen haben und für verschiedene Erzählungen - also für verschiedene Narrative - stehen kann. Daher findet hier nicht der Ausdruck an sich, sondern eine bestimmte Lesart dieses Ausdruck, ein bestimmtes Narrativ, nämlich das klassistische Narrativ, Beachtung.

Einzelnachweise

  1. Oswald Spengler: Jahre der Entscheidung. Erster Teil. Deutschland und die weltgeschichtliche Entwicklung, München 1933, S. 118ff.)
  2. Hans Joachim Schoeps: Vorläufer Spenglers: Studien zum Geschichtspessimismus im 19. Jahrhundert, Leiden/ Köln 1953, S. 74ff.
  3. Friedrich Stumpfl: Asozialität, in Rudolf Sieverts (Hrsg.): Handwörterbuch der Kriminologie, Bd. 1: Aberglaube – Kriminalbiologie, Hamburg 1966, S. 63ff.
  4. André Lichtschlag: Entzieht den Nettostaatsprofiteuren das Wahlrecht!, in: Die Welt vom 19.09.2006
  5. André F. Lichtschlag: Deutschlands Ayn Rand. Akif Pirinçci, der romantische Libertäre, in: Akif Pirincci und Andreas Lombard (Hg.): Attacke auf den Mainstream. 'Deutschland von Sinnen' und die Medien, Lichtschlag in der Edition Sonderwege, Waltrup und Leipzig 2014, S. 199f.
  6. Thomas Chorherr: Die verproletarisierte Gesellschaft: Gibt es nur mehr Schickeria?, in: Die Presse vom 11.02.2018
  7. Polleit, Thorsten: Der Aufstieg des Neo-Sozialismus. Und wie man ihn stoppt, in: Markreport von Degussa Goldhandel, 21.10.2021