Vertikalstruktur des Gesellschaftsbildes

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Autor: Andreas Kemper

Vertikalstruktur des Gesellschaftsbildes bezeichnet die Abbildungen von gesellschaftlichen und vor allem klassenspezifischen Beziehungen und Prozessen entlang einer Vertikalen, in denen das Oben in der Regel als wertvoller gilt als das Unten. Mit der Kopplung von oben = gut und oben = herrschende Klasse bzw. unten = schlecht bzw. unten = beherrschte Klasse suggeriert die Vertikalstruktur des Gesellschaftsbildes, dass die herrschende Klasse gut und die beherrschte Klasse schlecht sei.

Geophysikalisch-anthropologische Konstanten der Oben-Unten-Bewertung

Dass das "Oben" in der Regel als wertvoller beurteilt wird als das "Unten" ist weder zufällig noch willkürlich, sondern hat mit geophysikalischen und physiologischen Gegebenheiten zu tun. Die Strategie, die gesellschaftliche Markierung "Unten" auf(!)zuwerten, wird daher wenig plausibel, ja sogar als paradox erscheinen.

Aufgrund der Schwerkraft und der Aggregatzustände, in denen wir Menschen uns hauptsächlich bewegen und individuell entwickeln, gilt das Oben zumeist als wertvoller als das Unten.

Entwicklung und Körper der Menschen

Alfred Adler führte für die Entwicklung eines Säuglings hin zum*zur Erwachsenen aus, dass das Größerwerden vom Liegen über Krabbeln bis zum Laufen und auch das Körperwachstum an sich das Höhere als erstrebenswert erscheinen lässt.

Zudem befinden sich wichtige Wahrnehmungs- und Kommunikations-Organe des Menschen im Kopf, der im Sitzen, Stehen und beim Fortbewegen der obere Teil des Körpers ist.

Geophysikalische Aspekte

Drei geophysikalische Aspekte lassen das Oben wertvoller erscheinen als das Unten:

  1. Leistung: Aufgrund der Schwerkraft ist es mit einem Kraftaufwand verbunden, sich selber oder einen Gegenstand nach oben zu befördern ("nach unten kommt man von selber").
  2. Wahrnehmung: Ein höherer Standpunkt erlaubt eine weitere Sicht, oben hat man einen besseren Überblick.
  3. Macht: Aufgrund der Schwerkraft und aufgrund des besseres Überblicks ist eine höhere Position mächtiger, was sich u.a. in der Kriegsführung zeigt (Burgen auf Hügeln im Mittelalter, Lufthoheit in modernen Kriegen).

Zwar gibt es zu allen drei Aspekten auch Einwände (die Gefahr des Fallens, die allzu abgehobene Wahrnehmung, die Sichtbarkeit und damit auch Angreifbarkeit der Exponierten, ...), doch mindern diese nur bedingt den Wert des Obens.

Diese drei Aspekte lassen uns das Oben als wertvoller als das Unten erscheinen. Daher ist unser Begriff "Wert" als eindeutig vertikaler Begriff angelegt: "aufwerten" bedeutet, etwas gewinnt an Wert, wird "hochwertiger"; "abwerten" bedeutet, etwas verliert an Wert, wird "minderwertiger".

Klassengesellschaften und vertikalstrukturierte Gesellschaftsbilder

Anscheinend haben nur Klassengesellschaften vertikalstrukturierte Gesellschaftsbilder. In der Kollektivsymbolik der Hopi bspw. konnte keine Vertikalstruktur des Gesellschaftsbildes festgestellt werden. Auch im Alten Testament der Bibel taucht erst mit dem Traum Jakobs von der Himmelsleiter die Konzeption auf, dass Gott oben im Himmel verortet sei (vorher wandelte er auf Erden).

In vorkapitalistischen Klassengesellschaften wurde die Oben-Unten-Struktur hierarchisch legitimiert als Pyramidenform dargestellt. Diese Kopplung von Heiligkeit mit dem Bild der Pyramidenform ist derart stark, dass wir uns "Hierarchie" zumeist als Pyramidenform denken, obwohl Hierarchie nur "heilige Herrschaft" (von altgriechisch hieros = heilig, arche = Herrschaft) heißt. Metaphysisch liegt diesem Gesellschaftsbild die Konzeption der Emanation (Ausstrahlung) zugrunde. Oben ist das eine Gute, welches nach unten hin Gutes ausstrahlt. Diese Strahlen verlieren nach unten und in der Breite die Kraft.

Das vertikalstrukturierte Gesellschaftsbild vorkapitalistischer Klassengesellschaften ist statisch und der Ursprungsort des Wertvollen ist oben und strahlt nach unten abnehmend aus, wobei die Herrschenden als das Oben und das Geheiligte gedacht werden. Zugleich gibt es in diesem Gesellschaftsbild eine weitere Kraft des Unterirdischen, welches böse sei, nach unten ziehe und verwirre.

Im europäischen Mittelalter wurde die gesamte Natur als Scala Naturae vertikal gedacht, noch heute sprechen wir von ^niederen Pflanzen und ^höheren Säugetieren bis zur ^Krone der Schöpfung. An dieser vertikalen Struktur der Natur schloss sich die Engelshierarchie an, die schließlich zu Gott führte.

Kapitalistische Klassengesellschaften und vertikalstrukturierte Gesellschaftsbilder

Mit der kapitalistischen Industrialisierung befinden sich Gesellschaften in dem Widerspruch, dass Arbeit zunehmend gesellschaftlich stattfindet, das Produkt der Arbeit aber privatisiert wird. Während also kapitalistische Gesellschaften noch mit der privaten Aneignung gesellschaftlicher Produkte Feudalstrukturen aufweisen, haben sie diese mit der gesellschaftlichen Produktionsweise überwunden.

Dieser gesellschaftliche Widerspruch findet sich im vertikalstrukturierten Gesellschaftsbild als Kompromiss und wird mit der Konzeption von Anlage und Bewährung verbunden. Während auch in kapitalistischen Klassengesellschaften die herrschende Klasse als das Höhere und damit als das Bessere verortet wird, kommt mit der gesellschaftlichen Arbeit eine andere Topologie des Gesellschaftbildes ins Spiel: der gesellschaftliche Fortschritt, der als horizontaler Vektor in der Leserichtung westlicher Staaten von links nach rechts weist. Der Fortschrittsvektor enthält die Dynamik der Verbesserung. Als zukleisternder Kompromiss des Widerspruchs zwischen privater Aneignung und seinem Oben-Unten-Bild und dem gesellschaftlich-industrieller Arbeit mit seinem Gild des horizontalen Vorwärts entstand das Bild der Höherentwicklung, wie wir es aus Börsendiagrammen kennen. Dabei konnte sich dieses Bild der zeitlichen Höherentwicklung auf archäologische Funde beziehen, die alte Stadtbauwerke verschüttet unter neuen Städten entdeckten und ältere Fossilien in tieferen Schichten. Das geschichtliche Denken wurde aufgrund dieser Funde tief in der Erde stratifiziert (geschichtet) und diese Stratifizierung hielt auch in der Gesellschaftstheorie eingang, beispielsweise wenn wir von ^Klassenschichten sprechen.

In kapitalistischen Klassengesellschaften wird der Aspekt der Leistung für sozialvertikale Bewertungen stärker betont als der Aspekt der Macht. Dem "Erarbeiten" des Obens ("Aufstieg") kommt ein höherer Wert zu. Dieses zeigt sich aber als Bewährung vermeintlicher Anlagen, womit generationenübergreifende Erbschaften ebenso legitimiert werden ("Erbschaft der Intelligenz"), wie das Verharren der sich nicht bewährenden "Unterklasse" in Armut. Die Scala Naturae des Mittelalters wurde in kapitalistischen Gesellschaften dynamisiert.

Der Widerspruch im Kapitalismus zwischen gesellschaftlicher Arbeit (Fortschritt, horizontal) und privater Aneignung der Arbeit (Herrschaft, vertikal) findet sich im bürgerlichen Gesellschaftsbild als Kompromiss der ^Höherentwicklung.

Das Dachzeichen ^ als Markierung sozialvertikaler Ausdrücke

Um die Problematik sozialvertikaler Ausdrücke bewusst zu machen, können diese vor Beginn des ersten Buchstabens mit einem Dachzeichen ^ markiert werden.

Siehe auch